Multi-Akteurs-Dialog in Estland: Was brauchen Kleinfischerei-Akteure von der Energiewende?
Am 19. September 2026 schloss sich der SEAGLOW-Konsortialpartner Low Impact Fishers of Europe (LIFE) dem lokalen Fischer und Bootseigner Argo Mengel im Hafen von Võiste an, um Estlandskleinteich-Fischereigemeinschaft in das Gespräch über eine sauberere maritime Zukunft einzubeziehen. Unter der Leitung von Riina Otsason von der Technischen Universität Tallinn brachte der Workshop Fischer und maritime Interessengruppen zusammen, um eine praktische Frage zu diskutieren: Können kleine Fischerboote Emissionen senken, ohne Einbußen bei der Zuverlässigkeit oder Leistung hinnehmen zu müssen?
PMA-605 wird hybrid
PMA-605 ist ein kleiner, hauptsächlich für den Heringsfang in der Ostsee genutzter Kutter. Im Rahmen von SEAGLOW wird er auf ein Hybridsystem umgerüstet, das einen Elektromotorenantrieb, einen Batteriespeicher und einen Dieselgenerator kombiniert. Zudem wird sein Rumpf mit einer innovativen E-Beschichtung behandelt.
Die Kombination soll den Kraftstoffverbrauch um mindestens 40% senken. Der Elektrobetrieb soll zudem Teile des Fischereiprozesses leiser machen und die Arbeitsbedingungen an Bord verbessern.
Vielversprechend, aber es muss auf See funktionieren
Während des Austauschs teilten die Teilnehmer ihre Ansichten zur Energiewende in Estland.
Hybridsysteme wurden als das größte Potenzial zur Reduzierung der CO₂-Emissionen angesehen. Auch die Elektrifizierung und die Kombination von Elektroantrieb mit E-Coating wurden hervorgehoben. Die Teilnehmer waren sich jedoch einig, dass sich neue Technologien unter realen Fangbedingungen bewähren müssen. Einige stellten infrage, ob ein rein elektrischer Antrieb bei schwierigem Wetter oder längeren Einsätzen genügend Leistung und Ausdauer bieten kann.
Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit erstreckten sich auch auf Ausrüstungen wie Winden. Die Teilnehmer wiesen darauf hin, dass hydraulische Systeme und Hilfsmotoren möglicherweise weiterhin benötigt werden, wo elektrische Alternativen einen zuverlässigen Betrieb und sicheres Bremsen noch nicht garantieren können.
Die technologische Reife wurde daher als größte Hürde für die Energiewende eingestuft. Die Finanzierung lag an zweiter Stelle, gefolgt von der Infrastruktur und dem Zugang zu qualifizierten Fachkräften.
Der Business Case muss aufgehen
Geringere Kraftstoffkosten wurden am häufigsten als wirtschaftlicher Vorteil genannt, insbesondere angesichts schwankender Kraftstoffpreise. Die Teilnehmer sahen zudem Potenzial dafür, dass nachhaltig gefangener Fisch einen höheren Preis erzielen kann.
Die anfänglichen Kosten für die Nachrüstung bleiben ein großes Hindernis. Eine Amortisationszeit von rund fünf Jahren wurde im Allgemeinen als akzeptabel angesehen, während alles, was darüber hinausging, angesichts der Unsicherheit hinsichtlich künftiger Maßnahmen, Steuern und Gesetze als schwer zu rechtfertigen galt.
Die meisten Befragten waren der Ansicht, dass öffentliche Mittel oder andere Anreize zwischen 80% und 100% der Investition abdecken müssten. Einer schlug eine Unterstützung von 60 bis 80% vor. Für kleine Fischereiunternehmen, so die Teilnehmer, wären Umbauten in diesem Umfang ohne erhebliche Unterstützung von außen kaum zu bewältigen.
Sauberere Schiffe, bessere Arbeitsplätze
Die Teilnehmer sahen geringere CO₂-Emissionen als den wichtigsten ökologischen Nutzen, neben saubererer Luft vor Ort und möglichen Vorteilen für die Meeresumwelt.
Der Wandel könnte auch den Alltag an Bord verbessern. Weniger Lärm, Vibrationen und Abgasbelastungen würden einen saubereren und komfortableren Arbeitsplatz schaffen. Die Teilnehmer waren zudem der Ansicht, dass umweltfreundlichere Schiffe den Ruf des Fischereisektors im Bereich des Umweltschutzes stärken und dazu beitragen könnten, auf die Nachfrage der Verbraucher nach verantwortungsvoll gefangenem Fisch zu reagieren.
Fischer fordern mehr Mitspracherecht
Technologie und Finanzierung waren nicht die einzigen Anliegen. Die Teilnehmer forderten niedrigere Steuern, weniger Bürokratie und mehr staatliche Unterstützung.
Sie betonten auch, dass Entscheidungsträger ein praktisches Verständnis der Fischerei benötigen. Ein engerer Dialog mit dem Sektor könnte dazu beitragen, sicherzustellen, dass Vorschriften und Förderprogramme die Realitäten des täglichen Betriebs widerspiegeln.
Einige Teilnehmer waren der Ansicht, dass sich Estland stärker auf die Umsetzung von EU-Vorgaben konzentriert, als die Interessen seiner Fischer aktiv zu vertreten. Dies war eine während des Workshops geäußerte Wahrnehmung von Interessenträgern und wurde im Rahmen der Veranstaltung nicht unabhängig überprüft.
Lehren für die nächsten Schritte
Der Workshop hat gezeigt, dass die Küstenfischer in Hybrid- und Elektrotechnologien echtes Potenzial sehen, allerdings nur dann, wenn die Lösungen zuverlässig, erschwinglich und auf die tatsächlichen Bedingungen der Fischerei zugeschnitten sind.
Der Übergang wird mehr als nur neue Ausrüstung erfordern. Finanzielle Unterstützung, eine einfachere Verwaltung, Branchenkenntnisse und ein sinnvoller Dialog mit den Fischern werden ebenso wichtig sein.
Das Feedback ist nicht repräsentativ für den gesamten estnischen Kleinsektorfischereisektor, bietet jedoch wertvolle praktische Hinweise für die Weiterentwicklung und Bewertung der PMA-605-Demonstration von SEAGLOW.
Bildnachweis @Seaglow
